Spiel mit Folgen


(Mystery/Horror)

 

Eine kleine Gruppe von Freunden kann es nicht lassen und muss das unheimliche Spiel Gläserrücken ausprobieren. Doch was als kleiner Spaß beginnt, wird sehr bald bitterer Ernst. Hätten sie nur im Entferntesten geahnt, was in der Vergangenheit geschehen ist, dann hätten sie es niemal gemacht. Nun haben sie den Stein ins Rollen gebracht und da stellt sich die Frage, wie kann man ES aufhalten? Jede einzelne Minute am Tag wird nun zu einer Gefahr für die Freunde. Werden sie es überleben?  

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Leseprobe

 

1

 

Es ist Sommer 2017 und das Wetter ist einfach herrlich. In den Gärten hört man das Gejauchze von spielenden Kindern, die sich in ihren Planschbecken austoben. Hier und da hört man aus den Gärten leise Musik. Es scheinen einige größere Grillfeste zu haben. In einem kleinen, ruhigen Stadtteil von Gelsenkirchen trifft sich wie an jedem Freitag und Samstag eine Gruppe von sechs jungen Leuten. Sie alle sind zwischen sechzehn und achtzehn Jahre alt und die Clique besteht aus drei Mädchen und drei Jungen. Sandra ist die Älteste von allen, jedoch ist sie die Kleinste. Ab und zu bekommt sie den Spitznamen Zwerg von ihren Freunden. Sie hat langes, schwarz glänzendes Haar. Michaela, ihre beste Freundin ist etwa eineinhalb Köpfe größer als sie und hat langes, blondes Haar. Dann ist da noch die Nachbarin von Sandra, Bianca. Die beiden kennen sich schon ihr halbes Leben. Bianca hat schulterlanges, gelocktes, rotes Haar. Von der Größe her ist sie genauso hoch gewachsen, wie Michaela. Patrick, einer der Jungen, ist der Freund von Michaela. Er sieht sehr sportlich aus, ist etwa 1,86 m groß und hat kurze, schwarze Haare. Die beiden haben sich vor einem halben Jahr in einer Disco kennen gelernt und sind seitdem fest zusammen. Lukas ist der beste Freund von Patrick. Beide machen gerade eine Ausbildung in der gleichen Firma für Sanitäranlagen. Im Gegensatz zu Patrick ist Lukas etwas stabiler gebaut und hat längeres, zerzaustes Haar. Man könnte dazu neigen diese Frisur als Gestrüpp zu bezeichnen, weil sie so wüst aussieht. Dennoch macht es ihn irgendwie sehr sympathisch. Immer mit im Schlepptau ist der kleine Bruder von Lukas.

Er heißt Thomas und ist der Jüngste aus der Gruppe, aber keiner der anderen möchte ihn missen, denn wenn einmal die große Langeweile im Anflug ist, fällt ihm immer etwas ein, was man anstellen kann. Er sieht seinem Bruder Lukas überhaupt nicht ähnlich, da sie nicht denselben Vater haben. Wie jedes Wochenende gehen sie in den nahe gelegenen Wald. Sie sind einfach anders als die normalen Jugendlichen heutzutage. Während andere sich nur auf Partys aufhalten, verbringen sie lieber gemeinsam ihre Zeit. Auf Discotheken haben sie alle nicht sonderlich Lust. Dort ist es ihnen zu laut, zu voll und viel zu stickig.

Sie legen eher Wert darauf, miteinander ein wenig zu plaudern oder Blödsinn zu machen, als sich irgendwo zu betrinken. Auf dem Weg zum Wald gehen sie an einer beleuchteten Straße entlang. Da es schon fast zweiundzwanzig Uhr ist, ist es draußen schon recht dunkel geworden und man kann nur die ersten Bäume des Waldes sehen, weil sie von dem Licht der Laternen angestrahlt werden. Es sieht so aus, als würden sie direkt in ein schwarzes Nichts hinein gehen.

Der Anblick des Waldes lässt einem trotz der warmen Nächte, einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Obwohl sie sich seit etwa einem halben Jahr hier treffen, gruselt es sie hin und wieder schon ein wenig.

Sandra, die älteste sagt: »Meine Mutter hat schon wieder voll rumgestresst heute!«

Neugierig schaut Lukas sie an und will wissen, was passiert ist.

»Ach, ich habe mich für heute fertig gemacht und dann kam wieder von ihr, wie gefährlich das doch sei und man kann doch nicht bis mitten in die Nacht in einem Wald rum sitzen, das wäre nicht normal.«

»Mach dir nichts draus«, meint Lukas: »Meine Eltern sind genauso drauf. Die machen sich um jedes Bisschen einen Kopf.«

Während sie weiter dem kleinen Pfad durch den Wald folgen, verschwindet hinter ihnen immer mehr und mehr das Licht der Straßenlaternen, welches vereinzelt durch das Gewirr der Bäume zu sehen ist. Ein laues Lüftchen lässt die Blätter der am Wegrand wachsenden Sträucher rascheln. Zwischendurch hört man ein leises Fiepen, welches einige Mäuse im Unterholz von sich geben. Sie laufen auf dem holprigen Weg immer tiefer in den Wald hinein, bis sie zu einer größeren Weggabelung kommen.

»So, da wären wir endlich«, sagt Michaela richtig erfreut.

Mitten auf der Gabelung steht ein großer, langsam vor sich hin modernder Baumstumpf. Anscheinend hat man den Baum bis zu einer Höhe von etwa sechzig Zentimeter abgesägt und den Rest mit der Wurzel stehen gelassen. Direkt daneben liegen zwei kurze Baumstämme, an deren Seiten große Pilze zu sprießen beginnen. Doch in der Nacht kann man sie nicht wirklich erkennen. Das mit den liegenden Baumstämmen ist sehr praktisch, denn sie können sie als Bänke nehmen und den Stumpf nutzen sie als kleinen Tisch. Jetzt wo jeder einen Platz zum Sitzen gefunden hat, reden sie gemütlich über das, was auf der Arbeit und in der Schule die ganze Woche über geschehen ist. Auch die Probleme, welche sie zu Hause haben, werden hier häufig sehr gerne besprochen. Sie sagen immer, dass sie sich hier den Frust von der Seele reden können und es dann verborgen im Wald bleibt, so dass sie davon nichts mehr mit nach Hause nehmen müssen.

»Meine Politiklehrerin ist so eine Hexe«, beginnt Thomas aufgeregt zu erzählen.

»Die hat mich doch heute tatsächlich aus der Klasse geworfen. Dabei habe ich gar nichts gemacht.«

Neugierig schauen ihn alle an.

»Das Handy von meinem Sitznachbar hat geschellt und irgendein Spaßvogel zeigt mit fuchtelndem Finger auf mich. Egal, wie oft ich ihr sagte, dass mein Handy gar nicht an ist, es hat sie nicht interessiert!«

Das führt zu neuen Diskussionen und sie reden angeregt über ihre Schulzeit. Zwar kommt dieses Thema sehr oft auf, aber irgendwie scheint ihnen hierbei der Gesprächsstoff nie auszugehen. Aber das kann man ja auch verstehen, wenn man nur selbst an seine Schulzeit zurück denkt, da gibt es unendlich viele, tolle Geschichten.

»Ach, ich hab da ja noch etwas«, meint Bianca freudig und holt aus ihrer Tasche eine extrem große Kerze.

»Was ist das denn für ein Brecher?«, fragt Patrick lachend und kann sich kaum noch auf dem Baumstamm halten.

Darauf erwidert Bianca: »Ja, hier ist es immer so düster, wir sehen uns doch nur dann, wenn sich jemand eine Zigarette anzündet. Und da sie so groß ist, hat sie auch mehrere dicke Dochte und hält ein kleines bisschen Wind aus.«

»Na, dann mach mal.«, erwidert er skeptisch.

Bianca nimmt ihr Feuerzeug aus der Hosentasche und zündet sie an. Tatsächlich, die Flammen halten dem leichten Wind stand. Nun können sie sich auch sehen, wenn sie miteinander reden. Allerdings lässt das schummrige Licht der Flamme, den Wald um sie herum noch unheimlicher wirken.

Vorher, als sie sich nur auf ihr Gehör konzentriert haben, wussten sie zu was die einzelnen Geräusche gehören. Aber jetzt, da es den kleinen Lichtschein der Kerze gibt, drehen sie sich bei dem kleinsten Geräusch um, weil sie jetzt schemenhaft sehen können, was sich dort bewegt. Allmählich geht ihnen der Gesprächsstoff aus, da fällt Thomas ein, dass er ein Kartenspiel dabei hat. Er hat es immer in der Schule bei sich, um in den Pausen etwas mit seinen Mitschülern Pokern zu können und genau das will er jetzt auch tun, schließlich haben sie ja nun etwas Licht. Bianca und Sandra haben dazu nicht sonderlich Lust, denn Kartenspiele sind nicht wirklich ihre Leidenschaft und da Sandras Blase mittlerweile ganz schön drückt und sie unruhig hin und her wackelt, weil sie zu Hause zu viel Kaffee getrunken hat, entscheiden sie sich ein Stück tiefer in den Wald zu laufen, damit Sandra in ein Gebüsch gehen kann.

»Aber ich kann doch jetzt nicht einfach hier in den Wald pinkeln.« , meint Sandra zerknirscht und etwas angewidert.

»Warum denn nicht? Das machen wir doch alle, wenn wir hier sind und zum Klo müssen.«

»Ja aber ich muss sonst nicht, wenn wir unterwegs sind und außerdem können die anderen mich bestimmt sehen.«

Bianca versucht sie zu beruhigen.

»Da kann keiner was sehen, aber wir können gerne noch ein paar Meter weitergehen und dann gehst du an der Seite in ein Gebüsch.«

Etwas zögerlich willigt Sandra dann schließlich ein.

 

2

 

Sie laufen immer tiefer und tiefer in den Wald hinein. Zwischendurch drehen sie sich kurz um, nur um zu schauen, ob sie noch das Licht der Kerze erspähen können. Erst als es kaum noch zu erkennen ist, bleiben sie stehen.

»So, hier kann dich keiner mehr sehen. Dann geh hier rechts schnell in das Gebüsch, ich warte auf dich.«

Sandra bahnt sich widerwillig den Weg durch das, auf dem Boden liegende Geäst und alte Laub, bis sie hinter dem Busch ist.

»Mist! Mist verdammter!«

»Was ist los?«, will Bianca sofort wissen und geht erschrocken zu Sandra.

»Ach, ich wollte gerade meine Hose runter ziehen und da hat hinter mir etwas geknackt und geraschelt. Ich hab mich so erschrocken, dass mir mein Handy runter

gefallen ist. Da es aber nicht leuchtet, weiß ich nicht wo es ist.«

Vor lauter Schreck und Besorgnis um ihr Handy, hat Sandra vergessen, dass sie eigentlich auf die Toilette muss und mach nur schnell ihre Hose wieder zu. Gemeinsam tasten die beiden auf dem Boden nach dem Handy, können es jedoch nicht finden. An einer Tour hören sie hinter sich knackende Geräusche im Unterholz, so als wenn jemand auf kleine Äste tritt und sie zerbrechen. Die Geräusche werden immer lauter und scheinen näher zu kommen. Jetzt ist ihnen das Handy vollkommen egal, sie wollen nur noch zurück zu den anderen. Sie merken, wie ihr Puls in die Höhe schnellt und sie gehen hastig um das Gebüsch herum, um wieder auf den Weg zu gelangen. Es ist stockduster und das Licht der Kerze ist nirgendwo mehr zu erkennen. Da die beiden durch die Geräusche immer tiefer in ihre Angst hinab rauschen, rennen sie Hand in Hand einfach drauf los. Egal wo hin, sie wollen einfach nur weg. Nach ein paar Minuten werden sie langsamer.

»Müssten wir nicht eigentlich schon längst wieder bei den anderen sein? Soweit waren wir doch gar nicht weg.«, sagt Sandra vollkommen außer Atem.

»Normal schon. Ich glaube wir sind in die falsche Richtung gerannt. Sollen wir die anderen einfach mal rufen?«

»Nein, bloß nicht! Wenn da wirklich jemand war, dann findet er uns.«

Ängstlich und schnell atmend gehen sie weiter, allerdings rennen sie nicht mehr, weil beide bereits von dem kurzen Stück Seitenstiche haben. Das Rascheln und Fiepen der Tiere um sie herum scheint lauter zu werden. Sandra hat solch eine Angst, dass ihre Augen heiß anlaufen und schon die Tränen beginnen sich ihren Weg zu bahnen. Zum Glück ist es dunkel, so kann Bianca das nicht sehen, es wäre Sandra doch zu peinlich. Nach ein paar weiteren, tapsigen Schritten können sie im Dunkeln nach und nach etwas sehen. Die Bäume stehen hier nicht mehr so dicht bei einander, so dass der Mond ihnen ein wenig Licht spendet.

»Wie spät haben wir es eigentlich?«, möchte Bianca wissen.

Sandra schaut auf ihre Uhr. Sie muss sich ein Stück drehen, damit sie die Zeiger im Mondlicht sehen kann.

»Es ist jetzt zwanzig vor zwölf. Wir sind schon recht lange weg, normal müssten die anderen uns schon längst suchen.«

Bianca nickt mit leichten Sorgenfalten und meint: »Hoffentlich.«

Mittlerweile schmerzen die Füße der beiden und gerade als sie sich einfach auf den Boden setzen wollen, um sich kurz auszuruhen, erkennen sie schemenhaft ein kleines Haus.

»Schnell, lass uns da mal klopfen. Vielleicht kann uns jemand sagen, wie wir wieder aus dem Wald kommen.«

»Bianca nicht! Was ist wenn da ein Mörder oder so etwas wohnt?«, fleht Sandra sie panisch an.

»Ach du spinnst doch! Wenn dann ist es ein Forsthaus oder ein Zweithaus. Viele Menschen haben ein Haus am oder im Wald.«

Alles Flehen von Sandra hilft nicht, Bianca steuert schnurstracks auf das Haus zu. Doch plötzlich bleibt sie abrupt stehen.

»Was ist los?«, flüstert Sandra verschüchtert.

»Das Haus scheint leer zu stehen.«

Zögerlich gehen sie weiter auf die Hütte zu und die Blase von Sandra macht sich wieder bemerkbar. Da sie soweit gelaufen sind und das Haus unbewohnt zu sein scheint, geht sie hinter das nächste Gebüsch am Wegesrand.

»Oh man. Das nächste Mal werde ich vorher keinen Kaffee trinken. Das ist ja ekelhaft.«

Bianca kann nicht anders und muss sich über das Getue von Sandra amüsieren.

»Man kann sich auch anstellen.«

Nachdem Sandra sich die Hose wieder angezogen hat, begutachten die beiden das Haus weiter von Nahem. Die Angst scheint wie ein großer Stein von ihnen abgefallen zu sein, denn beide sind sehr neugierig und denken nicht mehr darüber nach, dass sie so eben noch vor irgendetwas panisch davon gelaufen sind. Es muss schon sehr lange leer stehen, denn es sieht sehr verwittert aus. Das Holz ist ausgeblichen, rissig und an einigen Stellen moosbedeckt. Plötzlich hören sie hinter sich etwas. Schlagartig drehen die beiden sich um und versuchen die Geräusche zu orten. Es sind ihre Freunde. Weil die beiden so lange weg waren, machten sie sich auf den Weg, um Sandra und Bianca zu suchen.

»Was macht ihr denn hier so tief im Wald?«, fragt Lukas verdutzt.

»Ach, wir haben etwas gehört und sind dann einfach nur noch gerannt. Leider in die falsche Richtung, wie wir dann festgestellt haben.«, erklärt Sandra.

»Was ein schmuckes Häuschen! Steht es leer? Das habe ich hier noch nie gesehen. Und ich dachte immer ich war schon im gesamten Wald«, unterbricht Patrick sie.

Kaum, dass er dieses sagt, sehen sich alle das Haus an.

»Stimmt, ich kannte es bisher auch nicht. Warum treffen wir uns denn jetzt nicht immer hier? Dann müssen wir beim nächsten Regen oder Gewitter nicht doof zu Hause rum sitzen.«, wirft Michaela aufgeregt ein.

Da das alle für eine gute Idee halten, ist es schnell beschlossene Sache.

»Wir gehen jetzt besser wieder nach Hause, sonst hab ich noch mehr Theater mit meinen Eltern.«, meint Michaela leicht genervt.

Angespannt gehen sie den langen Weg wieder zurück. Unterwegs ruft Lukas immer wieder auf Sandras Handy an, damit sie es wieder finden. Nach etwa zehn Anrufen hören sie es klingeln. Lukas geht hinter das Gebüsch und kommt prompt mit dem verlorenen Handy hervor. Sandra ist überglücklich und fällt Lukas vor Freude und Dankbarkeit um den Hals.

Jetzt, wo sie die Lichter der Straße sehen können, sind sie innerlich ein wenig erleichtert, auch wenn es niemand von ihnen zugeben würde. Als Erste verabschiedet sich Michaela, die anderen gehen gemeinsam noch ein Stück weiter. Wie es sich gehört, bringen die Jungen, die Mädchen bis zu den Haustüren, dann verabschieden auch sie sich.